Die Menschen leben in der Illusion, dass sie ihre Zeit kontrollieren. Lediglich ihre eigenen Erfahrungen oder die Erzählungen anderer dienen ihnen als das einzige Indiz für das zeitliche Fortschreiten. Doch müssen wir uns damit abfinden, dass das Aufrufen solcher Erinnerungs-Bilder bloß eine weitere Täuschung ist, die uns glauben lassen möchte, dass wir die Zeit fixiert haben. Das ist die einfachste Methode, die ein Bewusstsein für die Realität schafft und an das Erlebte erinnert.

Beim Betrachten der Gemälde der jungen Künstlerin Mārīte Guščika werden wir zu Augenzeugen von vergänglichen, uns unbekannten Momenten, denen wir im Alltag keine Beachtung schenken, die wir gar nicht erst wahrnehmen. Was erzählt uns die Künstlerin? Ist sie selbst von ihrer gemalten


Welt fasziniert oder – ganz umgekehrt – macht ihr diese Angst? Alltägliche, gewöhnliche Situationen und ein monochroner, urbaner Raum, gesätigt mit apathischer der Zeit, gegen die man sich nicht wehren kann – sich darauf einlassen scheint der einzige Ausweg zu sein. Der Mensch ist nur ein Element der Umwelt, für die ein beständiger Rhythmus und Wiederholung charakteristisch sind. Die Welt besteht aus vielen Fragmenten – wir schaffen es, uns nur mit wenigen von ihnen auseinanderzusetzen. Doch klar ist, dass es Mārīte Guščika nicht darauf ankommt, uns Geschichten von Menschen zu erzählen, die auf einer Rolltreppe stehen oder sich in einem Warteraum aufhalten – den ausgewählten Motiven kommt keine entscheidende Rolle zu. Die zentrale Gestalt ist vielmehr der festgehaltene Fluss der Zeit,


die Geschwindigkeit des Lebens, die uns mehr beeinflusst als wir zugeben wollen. 

Die dokumentarisch leidenschaftslose Intonation, die für die Werke von Mārīte Guščika charakteristisch ist, kann als eine Konsequenz der Omnipräsenz von Fotografie im öffentlichen Raum angesehen werden, die zweifelsohne die Ästhetik der Kunst stark geprägt hat. Doch gibt es bei Mārīte Guščika einige formale Nuancen, die auf eine emotionale Haltung der Künstlerin gegenüber der leidenschaftlosen Porträtierung der Zeit hindeuten – die Künstlerin verzichtet nicht auf freie, künstlerische Pinselstriche und Sfumato-Flächen, die einerseits den grafischen Raum verbinden und andererseits als ein Barometer für die Zeitwahrnehmung einer jungen Frau des 21. Jahrhunderts anzusehen sind-

 


Empfindungen, mit denen sie die Welt betrachtet.  

2008 fand im Lettischen Nationalen Kunstmuseum die Indivualausstellung “Symetrie – grau” von Mārīte Guščika statt, in der die junge Künstlerin ihre künstlerischen Interessen und kreativen Auseinandersetzungen präsentiert hat. Elemente des Fotorealismus sind für ihre Kunstwerke genauso bezeichnend wie malerische Akzente und achromatische Farben.

 

Diāna Barčevska, Kunstwissenschaftlerin